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Alter Pfarrhof

2011 | Balzers

Die Kulturgütersammlung, welche die Balzner Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten zusammengetragen hat, umfasst über 11'000 Objekte, Gegenstände und Dokumente des täglichen Lebens früherer Zeiten bis hin zu den Anfängen der Balzers Vakuumtechnik, weltliche und religiöse Preziosen und viele historische Bilder. Mehrere Anläufe, ein Museum zu errichten, scheiterten. Eine private Gruppierung entwickelte darauf hin mit der Bevölkerung ein Konzept für den Umgang mit der umfangreichen Sammlung. Klar wurde dabei, dass es nicht ein Museum im engeren Sinne sondern ein Kulturhaus mit Platz für Ausstellungen und Veranstaltungen werden sollte und dass sich der Alte Pfarrhof dafür am besten eigne. Auf dieser Basis ist 2008 der Wettbewerb Kulturmuseum Balzers ausgeschrieben worden. 


Der alte Pfarrhof mit dem 1733-39 errichteten barocken Pfarrhaus liegt am nördlichen Ortsausgang von Balzers. Zum Areal gehören auch der grosse Pfarrstall, der Standort der ehemaligen Pfarrkirche St. Nikolaus mit den Resten der Umfassung des ihr zugehörigen Friedhofes, das benachbarte Messnerhaus, der Pfarrgarten und der umgebende Obstgarten. Unter der Oberfläche finden sich weitere Baureste aus dem Mittelalter, teils gar aus römischer Zeit. Alles in allem eine im wahrsten Sinne des Wortes sehr vielschichtige Ansammlung wichtiger Zeugen der Balzner Geschichte. Dass das Pfarrhaus Geschichte(n) erzählen kann war zu erahnen, die Spuren in der Umgebung aber waren selbst für Geübte nur schwer zu ordnen. 


Grundidee unseres erfolgreichen Wettbewerbsprojektes war daher von Beginn weg, den Blick nicht auf das Pfarrhaus alleine zu richten, sondern insbesondere auf die interessante Umgebung. Der alte Zugang durch den Winkel wird wieder geöffnet und führt auf den Hof vor dem Pfarrstall, der als Raum für Werkstätten und Veranstaltungen ins Projekt miteinbezogen wird. Die geschichtlichen Spuren der Umgebung werden durch gezielte Massnahmen lesbar gemacht. Die Umfassung des ehemaligen Friedhofes wird mit einer Rotbuchenhecke ergänzt, Flieder und Krokusse im Inneren erinnern an die Friedhofskultur. Die Kastanien an der Ecke markieren den Standort der alten Sust, ums Pfarrhaus werden fehlende Bäume im Obstgarten ergänzt und der Pfarrgarten wieder seiner ursprünglichen Nutzung zugeführt. Letzteres unter der Obhut des Vereins Pro Obstbaum und der Balzner Kräuterfrauen. 


Mitten drin bleibt der Platz der abgegangenen gotischen Kirche frei; eine Steinplatte als Schwelle und ein Kubus deuten die Lage von Eingang und Chormitte an. Nach einer ersten Spurensuche im Pfarrhaus wurde klar, dass auch das Haus mehr kann als eine neutrale weisse Hülle für alles mögliche abzugeben. Es soll wieder spürbar werden, dass es sich um ein repräsentatives Haus mit Charakter handelt und dass man hier gern gesehener Gast ist. Die ursprüngliche Struktur des Gebäudes mit Mittelgang und verschiedenartigen Räumen wird herausgearbeitet: statt einem «Seminarraum» eine Stube mit Ofen und Nebenstube, statt einer «Caféecke» eine richtige Küche mit Holzherd und grossem Tisch. 


Eine Bibliothek, ein Atelier und zwei Ausstellungsräume entstehen in den farbigen Räumen der Obergeschosse, im Gewölbekeller beherbergt die Schatzkammer die Balzner Geschichte und im Dachraum hausen die Fledermäuse. Entsprechend ist die Gestaltung der Räume. Die Keller roh, der Estrich unbeheizt, der Gang weiss mit Kalkmörtelboden und die ehemaligen Wohnräume mit massiven Holzböden aus Weisstanne und farbigen Wänden. Nicht nur die vermutete ursprüngliche Raumeinteilung auch die «fehlenden» vermauerten Fenster bis hin zu den Kaminen mitsamt eingelassenen Katzenopfern kommen zum Vorschein, auch die überraschend kräftigen alten Farbschichten unter den weissen Dispersionsanstrichen bestärken unser Konzept. 


Eine originelle Dekorationsausmalung mit drapierten Vorhängen und roten Kordeln können von den Restauratoren als Zeugnis der Vergangenheit gesichert werden. Erneuert und ergänzt wird mit traditionellen lokalen Materialien, was Qualität hat wird weiter genutzt, anderes ersetzt, Teile der Ausstattung stammen aus der Kulturgütersammlung oder aus unserem Lager. Schon während der Bauzeit kommen immer wieder Leute mit Geschichten zu Haus, Dorf und Leben und kaum fertig werden die einladenden Räume bereits rege genutzt - die Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur ist die Basis des Projektes «Kulturhaus Alter Pfarrhof» der Gemeinde Balzers. 


Wir bedanken uns bei allen Beteiligten für ihren grossen Einsatz und die gute Zusammenarbeit und freuen uns auf Geschichten am warmen Ofen, ein Essen vom Holzherd und den Flügelschlag der Fledermäuse in der Nacht. Und darauf, dass die nächsten Jahre alles spriesst, was sorgsam gepflanzt worden ist. Eine ausführliche Dokumentation des Projektes und der Arbeiten erschien in den Balzner Neujahrsblättern 2012.


Alter Pfarrhof Balzers

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